Politik & UNESCO

Inklusion als Menschenrecht und gesellschaftliche Transformation

Inklusion ist Menschenrecht

Das Schuchardt ∞ KomplementärSpiralmodell hat nicht nur in Bildung und Therapie Bedeutung erlangt, sondern auch in der politischen Arena. Es bietet einen theoretischen und praktischen Rahmen für Inklusionspolitik und wurde auf höchster politischer Ebene präsentiert und gewürdigt.

Die zentrale These: Inklusion ist Menschenrecht – Exklusion ist Unrecht. Diese Erkenntnis ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts, sondern seit Jahrtausenden praktizierte Mitmenschlichkeit. Christlich gesprochen: Nächstenliebe. Das bedeutet komplementär Denken und Handeln durch Gewinnung von ∞ KomplementärKompetenz.

Präsentation im Deutschen Bundestag

Ein Höhepunkt der politischen Anerkennung war die Buchpräsentation von Erika Schuchardts Trilogie „Gelingendes Leben" im Deutschen Bundestag am 13. Februar 2013. Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert würdigte das Werk persönlich und betonte die Bedeutung des ∞ KomplementärModells für die Gesellschaft.

In der Kapelle des Bundestages fand eine bewegende Veranstaltung statt, bei der Lammert erklärte: „Dieses Modell zeigt uns einen Weg, wie wir als Gesellschaft mit Krisen umgehen können – nicht durch Verdrängung oder Ausgrenzung, sondern durch Inklusion und komplementäres Denken."

Reichstagskuppel als Symbol

Die Reichstagskuppel von Norman Foster

Die Reichstagskuppel von Norman Foster – Architektonisches Symbol des ∞ KomplementärSpiralwegs

Die Reichstagskuppel von Norman Foster (1999) gilt als architektonisches Symbol des ∞ KomplementärSpiralwegs. Die gläserne Spirale ermöglicht Bürgern den Aufstieg über den Volksvertretern – ein demokratisches Statement. Zugleich verkörpert die Doppel-Spirale (Aufgang und Abgang) das Prinzip der Komplementarität: Person & Gesellschaft, schon und noch nicht Betroffene, die sich begegnen müssen.

Erika Schuchardt als Abgeordnete

Erika Schuchardt war selbst Mitglied des Deutschen Bundestages und nutzte dieses Mandat, um das ∞ KomplementärModell politisch zu verankern. Sie arbeitete in der Ethikkommission, setzte sich für die Rechte behinderter Menschen ein und initiierte wichtige Debatten zu Organspende, Gentechnik und Inklusion.

Ihre Reden im Bundestag – beispielsweise zum 10. Jahrestag von Tschernobyl oder zur weiblichen Beschneidung – zeigten stets die komplementäre Perspektive: Nicht Schuldzuweisung, sondern Verständnis für alle Seiten. Nicht Ausgrenzung, sondern Integration.

UNESCO und die Salamanca-Erklärung

Als Vizepräsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission (DUK) trug Erika Schuchardt maßgeblich dazu bei, dass das ∞ KomplementärModell internationale Anerkennung fand. Die UNESCO-Salamanca-Erklärung von 1994 zur inklusiven Bildung trägt deutliche Spuren dieses Denkansatzes. Mehr zur UNESCO-Arbeit →

Die Erklärung betont: Schulen sollen alle Kinder aufnehmen, unabhängig von ihren physischen, intellektuellen, sozialen, emotionalen, sprachlichen oder anderen Fähigkeiten. Dies entspricht genau dem komplementären Prinzip: Nicht die „Behinderten" müssen sich anpassen, sondern die Gesellschaft muss sich öffnen.

Der 3-Schritte-Umkehr-Prozess

Ein zentrales politisches Konzept ist der 3-Schritte-Umkehr-Prozess zur „Kopf-Barriere-Freiheit":

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Schritt 1 – Stabilisierung

Die Gesellschaft nimmt wahr, dass es Menschen in Krisen gibt. Erste Hilfsangebote werden entwickelt. Doch noch herrscht Distanz.

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Schritt 2 – Integration

Die Gesellschaft beginnt, schon Betroffene einzubeziehen. Barrierefreiheit wird zum Thema. Doch noch gibt es die Unterscheidung zwischen „uns" und „denen".

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Schritt 3 – Partizipation

Die Gesellschaft erkennt: Wir sind alle potentiell betroffen. Es gibt keine „Behinderten" und „Normale", sondern nur Menschen. Volle Teilhabe wird selbstverständlich.

Dieser Prozess ist komplementär zum 8-Phasen-Spiralweg der Person. Während die Person ihre Krise durcharbeitet, muss die Gesellschaft ihren Umkehr-Prozess vollziehen. Beide Bewegungen bedingen einander.

UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK)

Die UN-Behindertenrechtskonvention von 2006, die Deutschland 2009 ratifizierte, markiert einen Paradigmenwechsel. Behinderung wird nicht länger als medizinisches Problem betrachtet, sondern als Menschenrechtsthema.

Das ∞ KomplementärModell hat zu dieser Perspektive beigetragen. Es zeigt: Weniger der von Behinderung schon betroffene Mensch ist das Problem, vielmehr werden die noch nicht betroffenen Menschen ihm zum Problem! Diese radikale Umkehr der Perspektive war politisch revolutionär.

„Man ist nicht ‚behindert'/marginalisiert, man wird dazu gemacht, ‚konstruiert', täglich 1000-fach durch gesellschaftliche Umwelt, Rolle, Status, Zuweisung, lebenslang bestimmt zu einem ‚Behinderten-'/Marginalisierten-/‚Konstrukt'-Dasein."

– Basis-∞ KomplementärThese, Erika Schuchardt

Das Grundgesetz und die Änderung von 1994

Ein Meilenstein war die Änderung des Grundgesetzes 1994. Artikel 3 Absatz 3 wurde ergänzt um den Satz: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden." Erika Schuchardt und andere Aktivisten hatten jahrelang dafür gekämpft.

Diese Verfassungsänderung war mehr als ein symbolischer Akt. Sie schuf die rechtliche Grundlage für das Gleichstellungsgesetz 2002 und alle folgenden Inklusionsgesetze. Sie machte deutlich: Inklusion ist kein Gnadenakt, sondern ein einklagbares Recht.

Grundgesetz Artikel 3 Absatz 3

Grundgesetz Artikel 3 – Gleichheit vor dem Gesetz

Die Rolle der Evangelischen Kirche (EKD)

Erika Schuchardt war Synodale im Parlament der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und im World Council of Churches. In dieser Funktion brachte sie das ∞ KomplementärModell in die kirchliche Debatte ein.

Die EKD veröffentlichte 2022 das Dokument „Texte 141: Inklusion gestalten – Aktionspläne entwickeln". Darin wird das ∞ KomplementärModell als Orientierungsrahmen empfohlen. Die Kirche erkannte: Inklusion ist nicht nur eine politische Forderung, sondern eine theologische Notwendigkeit – Ausdruck gelebter Nächstenliebe.

EKD und Inklusion

EKD-Texte 141: Inklusion gestalten – Aktionspläne entwickeln

Fritz von Bodelschwingh II und das Erbe

Ein historisches Vorbild war Fritz von Bodelschwingh II, der sich während der NS-Zeit mutig gegen die „Euthanasie"-Morde stellte. Er vertrat die Überzeugung: „Mir ist noch niemand begegnet, der nicht gemeinschaftsfähig wäre."

Diese Haltung steht im Gegensatz zu Hitlers „Nullpunkt-Existenz"-Ideologie. Die ∞ KomplementärThese lautet: Von Bodelschwinghs „Gemeinschaftsfähigkeit" versus Hitlers „Nullpunkt-Existenz". Die Geschichte hat gezeigt, welche Position menschenwürdig ist.

Internationale Modellprojekte

Das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (BMBW) förderte über 50 Modellprojekte zur Integration, die international Beachtung fanden. Diese „Best Practice"-Beispiele wurden in Ländern wie England, Frankreich, Italien, Schweden und den USA studiert.

Der erste Bundes-Weiterbildungs-Kongress 1986 in Bonn war ein politisches Signal. Ministerialdirigent Dr. Axel Vulpius lud Experten aus aller Welt ein. Die Ausstellung „Stolpersteine zum Umdenken" konfrontierte die Besucher mit ihrer eigenen Haltung zu Behinderung und Krise.

Dialog im Dunkeln

Ein besonders eindrucksvolles Modellprojekt ist „Dialog im Dunkeln". Sehende werden in völlige Dunkelheit geführt und von blinden Guides geleitet. Plötzlich sind die Rollen vertauscht: Die „Behinderten" sind die Experten, die „Normalen" die Hilflosen.

Diese Erfahrung löst den 3-Schritte-Umkehr-Prozess aus. Viele Besucher berichten, dass sie danach anders über Behinderung denken. Die Kopf-Barrieren sind gefallen.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft „Den Kindern von Tschernobyl"

Den Kindern von Tschernobyl

Den Kindern von Tschernobyl

Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 gründete Erika Schuchardt die Bundesarbeitsgemeinschaft „Den Kindern von Tschernobyl". Diese Initiative brachte über Jahre hinweg Tausende von strahlenbelasteten Kindern aus Belarus und der Ukraine zur Erholung nach Deutschland.

Das Projekt zeigte komplementäres Handeln in der Praxis: Deutsche Gastfamilien öffneten ihre Häuser, lernten die Kinder kennen – und erkannten: Es sind Kinder wie unsere eigenen. Die Angst vor dem „Fremden" wich der Erfahrung von Gemeinsamkeit.

Erika Schuchardt dokumentierte die Erfahrungen in ihrem Buch „Die Stimmen der Kinder von Tschernobyl" (zusammen mit Lew Kopelew). Es wurde in vier Sprachen übersetzt und mit dem AWMM-Buchpreis ausgezeichnet. Mehr zu Tschernobyl →

Die Stimmen der Kinder von Tschernobyl

Die Stimmen der Kinder von Tschernobyl – E. Schuchardt / L. Kopelew

Kritische Würdigung: Integration versus Inklusion

In der politischen Debatte gab es lange Streit über die Begriffe „Integration" und „Inklusion". Manche sahen Inklusion als Gegenentwurf zur Integration. Das ∞ KomplementärModell zeigt: Beide Begriffe bezeichnen dasselbe Ziel, nur aus unterschiedlichen Perspektiven.

Hans Wocken, ein führender Inklusionsforscher, plädiert für die „Schrägstrichvariante Integration/Inklusion". Der Widersacher ist nicht Integration, sondern Aussonderung. Diese Einsicht entspricht dem komplementären Denken: Nicht Schwarz-Weiß, sondern Sowohl-Als-Auch.

Ausblick: Inklusion im 21. Jahrhundert

Die politische Arbeit ist nicht abgeschlossen. Trotz aller Gesetze und Konventionen erleben viele Menschen täglich Ausgrenzung. Die Kopf-Barrieren sind hartnäckiger als die Bau-Barrieren.

Das ∞ KomplementärModell bietet einen Fahrplan für die nächsten Schritte. Es zeigt: Inklusion gelingt nur, wenn beide Seiten einen Lernprozess durchlaufen. Die Person durch den 8-Phasen-Spiralweg, die Gesellschaft durch den 3-Schritte-Umkehr-Prozess.

Die Herausforderung für die Politik: Wie können wir Bildungsangebote schaffen, die diesen doppelten Lernprozess ermöglichen? Wie können wir ∞ KomplementärKompetenz als gesellschaftliche Schlüsselqualifikation etablieren?

Die Vision

Eine Gesellschaft, in der Inklusion selbstverständlich ist, weil jeder Mensch weiß: Ich bin heute noch nicht betroffen – aber morgen kann es mich treffen. Eine Gesellschaft, die Krisen nicht als Bedrohung, sondern als Chance begreift. Eine Gesellschaft, die komplementär denkt und handelt.

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