Pearl S. Buck

Von der Scham zur Anwaltschaft – Eine Mutter findet durch die Krise zur Solidarität

„Es ist nicht leicht zu lernen, wie man diese unausweichliche Sorge trägt... Leid hat seine besondere Alchemie. Es kann in Weisheit gewandelt werden... inneres Glück."

– Pearl S. Buck, „The Child Who Never Grew" (1950)

Pearl S. Buck

Pearl S. Buck (1892–1973)

Autorin, Literatur-Nobelpreisträgerin (1938), USA/China

Pearl S. Buck, Mutter der von geistiger Behinderung betroffenen Tochter Carol, durchlebte ihre Krise wie jede andere Mutter in vergleichbarer Situation. Sie veranschaulicht als Intellektuelle, dass Krisenverarbeitung weniger ein Problem des Verstandes als vielmehr des Herzens ist – eine Frage der Bereitschaft und Fähigkeit zum Umdenken, zur Einstellungs- und Verhaltensänderung auf der Beziehungsebene.

Zehn Jahre des Lernens – ohne Begleitung

Pearl S. Buck berichtet, dass ihr Lernprozess ohne jede Begleitung über zehn Jahre andauerte. Sie steht damit stellvertretend für die Mehrheit der Frauen, die über ihren langen Weg aus der Krise berichten.

Buck unterscheidet selbst „zwei Phasen" ihres Lehrgangs: Die erste Phase, in der sie ihre eigene Zerstörung erlebt, als sie „das unvermeidliche Wissen, das mir aufgezwungen ward" verstehen lernen muss. Und die zweite Phase, in der sie die „Wende aus sich selbst" erfährt – in der sie ihr Schicksal als „gegeben" annimmt und als ihr zur Gestaltung „aufgegeben" erkennt.

„Es ist nicht leicht zu lernen, wie man diese unausweichliche Sorge trägt. Heute, da ich die Aufgabe gelernt habe, kann ich darauf zurücksehen und die Stufen erkennen; aber sie zu erklimmen, war wirklich hart: jede einzelne schien unübersteigbar."

Der KomplementärSpiralweg in Pearl S. Bucks Leben

Pearl S. Bucks Autobiografie „The Child Who Never Grew" (dt.: „Geliebtes, unglückliches Kind") zeigt exemplarisch alle acht Spiralphasen der Krisenverarbeitung:

  • Phase 1: Ungewissheit – „Was ist eigentlich los...?" Über drei Jahre lang blieb Pearl S. Buck in der Ungewissheit. Sie war „die letzte, die erfasste, dass etwas mit ihr nicht in Ordnung war." Carol war bereits drei Jahre alt, als die Mutter sich zu wundern begann.

    „Ich befragte Freunde über ihre Kinder und erzählte ihnen von meiner neuen Furcht um das meine. Ihre Antwort war tröstlich, zu tröstlich."

  • Phase 2: Gewissheit – „Ja, aber das kann doch nicht sein...?" Erst als Carol fast vier Jahre alt war, entdeckte Buck selbst, „dass die Entwicklung seines Geistes stillstand." Sie blieb „widerspenstig und ungläubig bis zuletzt." Mit dieser Gewissheit begann die qualvolle Reise durch alle Kontinente – die Phase der Verhandlung im „Ärzte-Welt-Warenhaus des Wissens."
  • Phase 3: Aggression – „Warum gerade ich...?" Als Ausdruck ihrer grenzenlosen Verzweiflung auf die brutale Wahrheits-Konfrontation wird auch die Aggression als Todeswunsch gegen das Kind verständlich:

    „Tod wäre viel leichter zu ertragen, denn der Tod ist endgültig... Wie oft entrang sich meinem Herzen der Aufschrei, es wäre besser, wenn mein Kind stürbe."

  • Phase 4: Verhandlung – „Wenn..., dann muss aber...?"

    „Dann begann die lange Reise, die Eltern solcher Kinder so gut kennen... Von der Überzeugung getrieben, dass es doch irgend jemand geben müsse, der heilen kann, schleppen wir unsere Kinder über die ganze Erde."

    Das Ende der Reise kam in Rochester, Minnesota, in der Mayo-Klinik.
  • Phase 5: Depression – „Wozu..., alles ist sinnlos...?" Buck erlebte beide Arten der Depression: die antizipierende als Trauer über die ungesicherte Zukunft des Kindes, und die rezipierende als Trauerarbeit über das bereits aufgegebene glanzvolle Leben.

    „Aller Glanz des Lebens ist verschwunden, aller Stolz der Elternschaft dahin, man hat das Gefühl, dass das eigene Leben in dem des Kindes tatsächlich abgeschnitten ist."

  • Phase 6: Annahme – „Ich erkenne jetzt erst...!" Die Wende kam „irgendwie aus mir selbst":

    „In dieser Zeit war es, da ich lernte, zweierlei Menschen in der Welt zu unterscheiden: solche, die unentrinnbaren Kummer kennengelernt hatten, und solche, denen dies nicht widerfuhr..."

  • Phase 7: Aktivität – „Ich tue das...!" Die Aktivität vollzog sich bei ihr einerseits in der Suche nach einem Heimplatz als Zukunftsvorsorge für ihre Tochter, andererseits durch intensive Vortrags- und Aufklärungsarbeit für Eltern sowie durch die Einrichtung und Finanzierung von Forschungsarbeiten.
  • Phase 8: Solidarität – „Wir handeln...!" Durch das Schreiben und Publizieren ihrer Autobiografie solidarisierte sich Pearl S. Buck mit jedem Betroffenen:

    „Es wird nicht leicht sein, in allem die Wahrheit zu sagen, aber anderes zu erzählen, wäre nutzlos."

Das Defizit komplementären Lernens

Schonungslos öffnet Pearl S. Buck unseren Blick auch für das Defizit komplementären Lernens inmitten ihres gesellschaftlichen Umfeldes. Abgesehen von einer einzigen Ausnahme sah sie sich 30 Jahre lang in doppelter Weise gefährdet:

Einerseits durch die „Irrelevanz-Regel": so zu tun, als ob alles in Ordnung wäre. Andererseits durch die vierfache Versuchung der Abwehrmechanismen: Verschweigen, Verdrängen, Vergessen, Verleugnen.

Statt eines „in Sorge getragen Werdens" erlitt sie permanent ihre „Ent-Sorgung" – abgeschoben von einer Instanz zur anderen, entwürdigt durch leere, vertröstende Worthülsen.

Allein durch die mutige Wahrhaftigkeit eines Mannes aus der Mayo-Klinik, der sie quasi im Hinterzimmer der Klinik inoffiziell aufklärte und sich so mit der Ausweglosigkeit solidarisierte, öffnete sich ihr der Perspektivwechsel. Bald leistete sie selbst erste Schritte der Aufklärungsarbeit für Eltern.

Leid als Alchemie – Das Vermächtnis

Pearl S. Buck schließt ihre Autobiografie mit Worten, die das Wesen des KomplementärSpiralwegs zusammenfassen:

„Man muss das Leid tragen, muss wissen, dass Leid, das man ganz auf sich nimmt, seine eigenen Gaben in sich schließt. Denn das Leid hat seine besondere Alchemie. Es kann in Weisheit gewandelt werden, die zwar nicht Freude bringt, aber inneres Glück."

So macht sich Pearl S. Buck mit jedem Betroffenen auf den Weg: vom Todeswunsch über das Ja zum Handeln im gemeinsamen, nie endenden Lernen.

Weiterführende Materialien

📘 Bibliographie

WGI Bibliographie 2000 – Lebensgeschichten

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