Kenzaburō Ōe

Literatur aus der Vater-Sohn-Krise – Der Tabubrecher der Wahrhaftigkeit

„Durch Akira lernte ich die Sprache verstehen – er, der Wortlose, redete mit Vögeln und Natur in Tönen."

– Kenzaburō Ōe über seinen Sohn Hikari/Akira

Kenzaburō Ōe

Kenzaburō Ōe (1935–2023)

Schriftsteller, Literatur-Nobelpreisträger 1994, Japan

Der japanische Nobelpreisträger verarbeitete die Geburt seines behinderten Sohnes Hikari in seinem literarischen Werk. Als „Tabubrecher der Kultur" legte er schonungslos seine eigene Persönlichkeit bloß – vom Aufschrei über das „Baby-Monster" bis zur Erkenntnis: „Der kürzeste Weg zur Erkenntnis ist immer der Umweg."

Zeugnis beim Weltkongress für Rehabilitation 1988

1988 eröffnete Kenzaburō Ōe den Weltkongress für Rehabilitation in Tokio mit einem persönlichen Zeugnis, das die Kraft des KomplementärSpiralwegs eindrucksvoll bestätigt:

„Selten habe ich mich in meinem Leben so verstanden gefühlt wie in dem Buch, das mir die Krisenspirale eröffnete. Wie ist es möglich, dass sich ein Mensch so in mich hineinversetzen kann, ohne jemals mit mir und meinem Sohn Hikari/Akira zusammengelebt zu haben?

Wie kann es sein, dass ein Mensch meine Aggressionen versteht, meine Sucht (Alkohol) als Suche annimmt, meinen Versuch einer Tötung meines Kindes – als ‚Todeswunsch' akzeptiert – und ihn entlastend in den weltweiten Zusammenhang gleicher Wünsche vieler betroffener Eltern stellt?

Ich habe diese 8 Spiralphasen durch meine Krise, meine persönliche Erfahrung, der Vater eines beeinträchtigten Sohnes Hikari/Akira zu sein, wahrheitsgemäß nicht nur einmal, sondern unendlich viele Male durchlebt: An jeder Station unseres Lebenslaufes neu.

Ich bin durch die Krisen-Spirale gestärkt, durch das Wissen um den 8-Phasen-LebensSpiralweg KrisenVerarbeitung entlastet, durch die Erfahrung, verstanden worden zu sein, herausgefordert, anderen Begleiter, Anwalt, Mitmensch zu sein."

– Kenzaburō Ōe, Weltkongress für Rehabilitation, Tokio 1988

Der Tabubrecher der Wahrhaftigkeit

Kenzaburō Ōe, der uns an seinem mühseligen Lernweg aus der Krise teilhaben lässt – der Geburt seines an Gehirnhernie leidenden Sohnes Akira (Hikari) – ist weltweit einzigartig als Bahnbrecher der Wahrhaftigkeit.

Schonungslos legt er Schicht um Schicht seine eigene Persönlichkeit bloß:

  • Den Aufschrei über das „Baby-Monster"
  • Die Annahme seines Sohnes allein aus der Angst, er könne bei der immer weitergehenden Flucht vor sich selbst (Drogen, Alkohol, Suizid, Prostitution) in einen ähnlichen Zustand verfallen wie sein Sohn
  • Die Erkenntnis, sein Sohn Akira habe ihn gelehrt: „Der kürzeste Weg zur Erkenntnis ist immer der Umweg"

Er deckt Egoismen auf und lässt alle Selbstrechtfertigungsversuche, alle Scheinlügen in sich zusammenfallen. Er bekennt, offenbart uns, selbst an der Grenze gestanden zu haben – fast der „Mörder" seines ihm unannehmbar erscheinenden, lange namenlosen „Monster"-Sohnes geworden zu sein.

In diesem Zusammenhang erinnern wir uns an den wiederkehrenden Refrain in Bertolt Brechts Ballade „Von der Kindsmörderin Marie Farrar" (1922):

„Doch Ihr, ich bitte Euch, wollt nicht in Zorn verfallen / Denn alle Kreatur braucht Hilf von allen."

Sein Literaturpreis ist die Auszeichnung seiner Menschlichkeit in Gestalt seines Mutes zur Wahrhaftigkeit.

Vater und Sohn – Zwei schöpferische Sprünge

Ein Vierteljahrhundert nach seiner Autobiografie „Eine persönliche Erfahrung" (1964) zeigt sich das Ergebnis des gemeinsamen Weges:

Der Vater: Kenzaburō Ōe

Nicht nur in Japan, sondern weltweit wurde er zum Anwalt von Krisen schon betroffener Menschen. Sein literarisches Werk – darunter „Eine persönliche Erfahrung" (1964) und „Tagame. Berlin - Tokio" (2005) – zeugt von seinem unermüdlichen Einsatz für Wahrhaftigkeit.

Die Neue Zürcher Zeitung schrieb über sein Werk: „Einfühlsam und schonungslos, seine Worte bohren sich wie Splitter ins Herz."

Der Sohn: Hikari/Akira Ōe

Akira ist herangewachsen zum Musikschaffenden. Er ersetzt seine ihm fehlenden Worte durch seine – den Vögeln des Gartens abgelauschten – Töne, denen er musikalische Gestalt verleiht.

Mit seinen Kompositionen auf CDs beglückt er viele Menschen. Er hat seinen eigenen „schöpferischen Sprung aus der Krise" gefunden.

Also haben beide – der Vater/Literaturwissenschaftler und der Sohn/Musikschaffender – zu ihrem schöpferischen Sprung aus der Krise gefunden auf dem 8-Phasen-LebensSpiralweg KrisenVerarbeitung.

Eine literarische Parallele: Joseph Roths „Hiob"

Eine Parallele zeichnet der Schriftsteller Joseph Roth 1930 in seinem weltberühmten Roman „Hiob" nach. Er stellt sich dem Thema „Migration", angelehnt an die biblische Vorlage des Buches Hiob im Alten Testament.

Der Protagonist Mendel Singer, ein armer frommer Lehrer, hat einen an Epilepsie erkrankten Sohn Menuchem. Die Familie muss nach Amerika fliehen und Menuchem mutterseelenallein zurücklassen.

Joseph Roth gestaltet romanhaft ein Wunder: Menuchem kommt geheilt von seiner Krankheit als berühmter Musiker nach Amerika; er erscheint seinem Vater wie ein Erlöser und versöhnt ihn mit der Welt und mit Gott.

Die Parallele zu Kenzaburō Ōe und seinem Sohn Akira – beide finden durch die Musik zur Versöhnung – ist unübersehbar.

Weiterführende Materialien

📘 Publikation

Kenzaburō Ōe – Literarische Krisenverarbeitung (Deutsche Nationalbibliothek)

Publikation öffnen →

Weitere Beispiele entdecken

Erfahren Sie mehr über Menschen, die den KomplementärSpiralweg als Chance begriffen haben.

← Zurück zur Übersicht