Der historische Ursprung: 1894
Hephata – das bedeutet im Aramäischen „Öffne Dich!" Dieses Wort stammt aus dem Markus-Evangelium (7,34), wo Jesus einen Taubstummen heilt. Hermann Schuchard wählte diesen Namen bewusst, als er 1894 im Alter von nur 26 Jahren die Leitung der Hephata-Anstalt in Hessen übernahm. Es sollte ein Programm werden: Öffne Dich – für Menschen in Not, für neue Ideen, für Gemeinschaft über alle Grenzen hinweg.
Hermann Schuchard (1868-1923) war ein Visionär. Bereits 1890, als 22-jähriger Pfarramtskandidat, besuchte er die berühmten Bodelschwingh-Anstalten in Bethel und schrieb begeistert: „Diese 8 Wochen Bethel möchte ich zu den Schönsten meines Lebens rechnen!" Vier Jahre später folgte er dem Ruf nach Hephata – und revolutionierte das Anstalts-Wesen.
Ein radikales Inklusionskonzept
Was Schuchard in Hephata aufbaute, war für die damalige Zeit revolutionär. Während andere „Anstalten" Menschen mit Behinderungen wegschlossen, öffnete Schuchard Hephata nach außen. Sein Konzept: Eine Lebens-, Dienst- und Glaubens-Gemeinschaft, in der schon und noch nicht betroffene Menschen gleichwertig zusammenleben.
Er entwickelte drei Grundpfeiler, die bis heute nachwirken:
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Ora et labora et celebrate
Beten, arbeiten und feiern gehören zusammen. Diese Brüderregel von 1899 machte deutlich: Menschen mit Behinderungen sind nicht nur Objekte der Fürsorge, sondern vollwertige Mitglieder einer Gemeinschaft, die beten, arbeiten und feiern.
2
Talenteweckung
Jeder Mensch hat Fähigkeiten. Schuchard rief ein Musikkorps ins Leben (Vorläufer von „Jedem sein Instrument"), organisierte Gartengrundstücke als Kleinunternehmen („Jedem sein Talent") und veranstaltete Wettbewerbsspiele. Er aktivierte die eigenen Kräfte der Bewohner – ein revolutionärer Ansatz.
3
Öffentlichkeit und Begegnung
Schuchard lud von Anfang an die Öffentlichkeit ein. 1896, beim ersten Jahresfest, kamen 200 Besucher. 1906, beim 10. Jahresfest, waren es bereits 8.000 Menschen aus dem In- und Ausland. Diese Begegnungen bauten „Kopf-Barrieren" ab.
Die Vision: Eine „Halle für Alle"
Schuchards größter Traum war eine Kirche mit integrierter Festhalle – ein Ort zum Beten, Leben und Feiern für alle Menschen gemeinsam. Er trug diesen Wunsch über zehn Jahre hinweg dem Kaiser vor. Und wurde erhört.
Kaiser Wilhelm II. und die Stiftung der Kirche
1905 beschloss der Kommunal-Landtag auf Empfehlung von Kaiser Wilhelm II., Hephata eine Kirche zu stiften – anlässlich der Silberhochzeit des Kaiserpaares. Aber nicht irgendeine Kirche: Eine Kirche mit großer Festhalle. Architektonisch einzigartig, vereint sie sakralen und profanen Raum.
Am 15. August 1906 weihte Kaiserin Auguste Viktoria die Kirche persönlich ein. Es war ein Staatsereignis. Tausende von Menschen säumten die Straßen. Die historische Postkarte zur Einweihung zeigt die Kaiserin vor der Kirche, umgeben von der Hephata-Gemeinschaft.
Die Kaiserin und der Umkehr-Prozess
Was an diesem Tag geschah, war bemerkenswert. Schuchards Tochter Laura berichtete später: Die Kaiserin sollte durch die Anstalt geführt werden. Als sie am Haus Zoar vorbeigingen, fragte sie, warum sie dort nicht hineingeführt werde. Schuchard antwortete: „Majestät, in diesem Haus sind die Elendesten der Kinder!"
Die Kaiserin entgegnete: „Herr Pfarrer, da möchte ich aber gerade hinein!" Und sie blieb dort am längsten. In Bethanien streichelte sie einem blinden, taubstummen und schwachsinnigen Kind so zart die Hand, dass das Gesicht des Kindes strahlte. Aus Dankbarkeit für dieses Glück überreichte die Kaiserin dem Kind ihre kaiserliche Brosche.
„Die Kaiserin erlebte sich selbst als Beschenkte. Sie vollzog den Umkehr-Prozess: Von der Stabilisierung (Distanz) über die Integration (Annäherung) zur Partizipation (Berührung). Sie gewann ∞ KomplementärKompetenz – an einem einzigen Vormittag."
– Erika Schuchardt
Kaiserin Auguste Viktoria – Schirmherrin der Inklusionskirche
Die Menschenrechts-Botschaft in Stein
Die Hephata-Kirche gilt heute als „Menschenrechts-Botschaft in Stein". Sie ist vermutlich die erste Inklusionskirche der Welt – eine Kirche mit integrierter „Halle für Alle". Architektonisch vereint sie zwei Funktionen:
Der Kirchenraum bietet Platz für 600 Menschen zum Gottesdienst. Hohe Fenster, ein eindrucksvolles Kruzifix (geschnitzt von einem Hephata-Bewohner), eine Orgel.
Die Festhalle grenzt direkt an und kann durch große Schiebetüren mit dem Kirchenraum verbunden werden. Hier finden Konzerte, Theater, Feste statt – für die ganze Gemeinschaft, schon und noch nicht Betroffene.
Dieser architektonische Kunstgriff macht die Botschaft deutlich: Geistliches und Weltliches, Beten und Feiern, Sakrales und Profanes gehören zusammen. Es gibt keine Trennung zwischen „drinnen" (die Anstalt) und „draußen" (die Welt). Es gibt nur ein gemeinsames Leben.
Das dunkle Kapitel: NS-Zeit
Die Inklusions-Geschichte Hephatas wurde brutal unterbrochen durch die NS-„Euthanasie"-Morde. Über 350 Hephata-Bewohner wurden „verlegt" – ein Euphemismus für deportiert und ermordet. Das Mahnzeichen vor der Kirche erinnert heute an diese belastende Epoche.
Auch die Kirche lud damals schwere Schuld auf sich, indem sie nicht entschieden genug Widerstand leistete. Diese Schuld muss benannt werden. Sie gehört zur Geschichte Hephatas wie zur Geschichte der deutschen Kirche.
Umso wichtiger ist es heute, an die Vision Hermann Schuchards anzuknüpfen: Jeder Mensch hat Würde. Jeder Mensch ist gemeinschaftsfähig. Niemand darf ausgesondert werden.
Hephata heute: Ein integrierter Stadtteil
Heute ist Hephata kein abgeschlossenes „Anstaltsgelände" mehr, sondern ein integrierter Stadtteil der mittleren Kleinstadt Schwalmstadt mit 20.000 Einwohnern. Auf 20 Straßen mit 120 Gebäuden leben rund 2.500 schon und noch nicht betroffene Menschen zusammen – als Nachbarn, Kollegen, Freunde.
Hephata bietet heute ein breites Spektrum an Dienstleistungen: Wohnen, Arbeit, Bildung, Freizeit, Pflege, Therapie. Aber nicht abgeschottet, sondern mittendrin in der Gesellschaft. Menschen mit Behinderungen arbeiten in städtischen Betrieben, besuchen Regelschulen, leben in eigenen Wohnungen.
Hephata-Kirche – Einweihung am 15. August 1906
Die Verbindung zu Erika Schuchardt
Erika Schuchardt ist die Urgroßnichte von Hermann Schuchard. Sie entdeckte in den 1960er Jahren die Dokumente ihres Vorfahren und erkannte: Er hatte bereits vor über 100 Jahren ein „Integrations-Vor-Modell" entwickelt!
Sein 3-Schritte-Prozess (von der Zufluchts-Anstalt über das Begegnungs-Zentrum zum Equality-Status in der Gesellschaft) entspricht ihrem wissenschaftlich erforschten 3-Schritte-Umkehr-Prozess (Stabilisierung – Integration – Partizipation).
Die Parallele ist verblüffend: Hermann Schuchard handelte intuitiv aus christlicher Nächstenliebe. Erika Schuchardt forschte empirisch auf Basis von 6.000 Lebensgeschichten. Beide kamen zum selben Ergebnis: Komplementäres Denken und Handeln ist der Schlüssel zur Inklusion.
Die Brüderregel von 1899
Hermann Schuchard verfasste 1899 eine „Brüderregel" für die erste Brüderschaft in Hephata. Sie lautet im Kern: „Wir verpflichten uns zu einer Lebens-, Dienst- und Glaubens-Gemeinschaft. Wir wollen einander tragen, wie Christus uns getragen hat."
Diese Regel war revolutionär, denn sie unterschied nicht zwischen „Pflegenden" und „Gepflegten", zwischen „Helfenden" und „Hilfsbedürftigen". Alle waren Brüder, alle trugen Verantwortung füreinander. Das ist komplementäres Denken in Reinform.
Ora et labora et celebrate
Die Formel „Ora et labora et celebrate" (Beten, Arbeiten, Feiern) durchzog den ganzen Hephata-Alltag. Morgens gemeinsame Andacht, tagsüber Arbeit in Gärten, Werkstätten, Küchen, abends gemeinsames Musizieren, Theaterspielen, Feiern.
Schuchard wusste: Der Mensch braucht alle drei Dimensionen. Nur Beten wäre weltfremd. Nur Arbeiten wäre ausbeuterisch. Nur Feiern wäre oberflächlich. Erst das Zusammenspiel macht das Leben ganz.
Rundbrief-Kultur: 135 Briefe in 10 Jahren
Hermann Schuchard pflegte eine intensive Kommunikation mit der Außenwelt. In nur zehn Jahren (1896-1906) verschickte er 135 Rundbriefe – mehr als einen pro Monat! Diese Briefe berichteten vom Leben in Hephata, von Freuden und Sorgen, von Erfolgen und Rückschlägen.
Die Briefe schufen Verbundenheit. Leser in ganz Deutschland und darüber hinaus fühlten sich als Teil der Hephata-Familie. Sie spendeten, beteten mit, besuchten die Jahresfeste. So entstand ein Netzwerk der Solidarität.
Die Briefe sind heute noch im Archiv erhalten und online zugänglich unter www.schuchard-inklusionskirche-hephata1894.de. Sie sind ein Schatz an Erfahrungen, Erkenntnissen und Inspiration.
Hephata-Modell-Projekt im BMBW-Kongress 1986
1986 wurde Hephata als Modellprojekt MP 4 im ersten Bundes-Weiterbildungs-Kongress des BMBW präsentiert. Ministerialdirigent Dr. Axel Vulpius würdigte: „Hephata ist ein Beispiel, wie Integration schon vor 100 Jahren funktionierte. Ein Vor-Modell, das uns heute noch viel zu lehren hat."
Die Ausstellung „Stolpersteine zum Umdenken" zeigte historische Postkarten, Dokumente, Fotos aus Hephata. Kongress-Teilnehmer aus aller Welt waren beeindruckt: Was hier 1894 begann, nannten wir heute Inklusion.
Botschaft für heute
Die Geschichte Hephatas lehrt uns: Inklusion ist keine moderne Erfindung. Sie hat Wurzeln, Tradition, Vorbilder. Hermann Schuchard war ein solches Vorbild – ein Pionier des komplementären Denkens.
Seine Vision ist aktueller denn je: „Öffne Dich!" Öffne deine Türen, dein Herz, deinen Geist für Menschen, die anders sind als du. Erkenne in ihnen nicht das Problem, sondern das Geschenk. Lerne von ihnen. Wachse durch sie.
Die Inklusionskirche steht als steinernes Zeugnis dieser Vision. Sie ruft uns zu: Es ist möglich. Inklusion funktioniert. Wenn wir nur wollen. Wenn wir uns öffnen. Hephata – Öffne Dich!
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